WEIßE SCHIFFE MEINE TRÄUME…

by on 30 Δεκεμβρίου 2016

Ein Roman voller Gefühl und Poesie. Eine Geschichte, die nur das Leben selbst schreibt…

Irene, eine Taxifahrerin aus Athen, flüchtet sich in Schweigen. Als berufstätige Ehefrau und Mutter plätschert ihr Leben dahin, abgestumpft in einem grauen Alltag, lebt sie in einer Rolle, die Mann und Tochter ihr aufzwingen…

Irene wachte an jenem Morgen besonders nervös auf. Sie fühlte sich unruhig und gestresst. Vielleicht waren es auch die Träume, die ihren ruhigen Schlaf vertrieben hatten… Oder aber der bis auf die letzte Minute ausgebuchte Montag, der vor ihr lag. Ein Montag, der ihr kaum ein paar Sekunden Zeit zum

Atmen ließ. Obwohl, welcher Tag war schon anders? Immer ein ausgefülltes Tagesprogramm. Arbeit, Verpflichtungen und Erledigungen. Ihr Leben erlaubte kein Nichtstun, nicht mal ein paar Minuten

Entspannung.

Um halbneun stand sie bereit, wie jeden Tag, in ihrem Jogginganzug, um das Taxi am Faneromeniplatz zu übernehmen. Der Besitzer, ein sehr pedantischer Mensch was Pünktlichkeit anging, wünschte ihr gähnend gute Fahrt. Irene setzte sich auf den Fahrersitz und fuhr eilig davon, um ihren vierstündigen

Job zu absolvieren. Sie wechselte die Musik, machte „ihre“ in den CD-Player, nahm aus ihrer Handtasche die Servietten, zusammen mit ihrem Bleistift und fuhr entschlossen auf die Hauptstraße raus.

Sie begann immer mit einer bestimmten Tour, die sie niemals verließ, bis sie ihren ersten Kunden hatte.

Der würde dann ihren Tag bestimmen, er würde ihr ein Labyrinth aus Straßen und Menschen enthüllen, das der Zufall ihr brachte. Sie überließ die Regeln dieses Spiels den Anderen, weil diese es nur entscheiden konnten, da sie vergessen hatte, welche Farbe die Entscheidung hat.

Obwohl sie in ihre Gedanken vertieft war, bemerkte sie die zwei Frauen, die gerade verschwörerisch in

den Friseursalon auf dem großen Platz in Cholargos hineingehen wollten. Toller Laden, mit unzähligen frisch geputzten Spiegeln an den Wänden, versprachen im Namen der Schönheit die Frauenköpfe zu verwöhnen. Ohne es zu wollen, fasste sie an ihren schiefen Pferdeschwanz. Haare, die lässig zusammengebunden waren, wie Stroh, lassen Keratin lediglich erahnen, strapazierte Zweifel ohne Locken.

„Wann war ich das letzte Mal beim Friseur?“ fragt sie sich.

Seit Lenas Hochzeit, vor fast zwei Jahren. Inzwischen waren sie dünn und ungepflegt, mit einem Schnitt ohne Namen. Sie erinnerte sich für einen Moment an ihre jugendlichen Vorbereitungen, für den sonnabendlichen Ausgang. Dreißig Jahre früher, als sich die Mädchen ehrfürchtig wuschen, sich mit Honig und ätherischen Öle einrieben, nur um männlichen Nasen zu bezaubern. Damals glaubten sie, die Liebe sei der Flug einer Biene, und sie wie frische Rosenblätter, die sich im Blütenstaub wuschen.

Damals war alles anders…„Fahren Sie nach Kipseli?“ fragte eine junge Frau. Ihre erste Kundin, gut aufgelegt und in Eile, bewegte die Fäden ihres Tages. Irene beobachtete sie diskret durch den Rückspiegel. Das tat sie mit jedem, der in ihren „Taxikosmos“ eindrang. Die junge Frau war sportlich gekleidet, aber sehr gepflegt. Am meisten bewunderte Irene ihre kunstvollen Augenbrauen. Sie sahen aus wie gemalte Apostrophe, die Fenster ihrer Augen.

Das Handy der Kleinen klingelte, und auch das war etwas, das die Fahrerin des Taxis erwartet hatte.

Was kam, weckte ihre Fantasie, der Auslöser eine Inszenierung zu entwickeln, für den Menschen, den sie fuhr.

„Guten Morgen, ich sitze bereits im Taxi. Setz den Kaffee auf, ich bin gleich da. Ich habe es so eingerichtet, dass ich den ganzen Vormittag mit dir verbringen kann“, sagte ihre Kundin sehnsüchtig und legte auf.

Das war es… Sie reiste heute also mit der Sehnsucht, sie wurde ihre Arche der Begierde, die bei dem Geschmack von Kaffee auf jungen Lippen beginnen würde. Sie konnte jetzt im Blick der jungen Frau ein Lächeln erkennen. Als würden die Augenbrauen die Augen enthüllen, und diese wiederum eine

Reihe glänzender Zähne.

Wie hübsch sie ist, dachte sich Irene und schickte ein leichtes Lächeln über den linken Außenspiegel an die junge Frau.

Als sie in Kipseli ankamen bezahlte die Frau eilig, warf laut die Tür hinter sich zu, und flog fast an den nur ihr bekannten Platz, wie ein Vogel, frisch und sorgenfrei, ohne Hindernisse für die Freuden des Lebens.

Irene schaltete schnell das Taximeter aus. Sie konnte es kaum erwarten, an die nächste Ampel zu kommen, die sie zum Halten zwang. Sie nahm die Serviette und mit ungewöhnlich schnellen Bewegungen zeichnete sie ihr erstes Schiff an diesem Tag. Sein Name „Sehnsucht“. Sein Umriss frei durch den halbgespitzten Bleistift, vervollständigte sich Planke um Planke, und dann, kurz bevor die Ampel auf grün schaltete, stand geschickt sein glänzendes Segel aufrecht. Das Segel, das einen auf Reisen mitnimmt.

Lena putzte resolut ihre Brille, bevor sie sich auf den Weg zur ersten Nachhilfestunde des Tages nach Marousi aufmachte. Sie war schon früh aufgestanden an dem Morgen, um alles mit Genauigkeiterledigen zu können, so wie es sich gehörte. Sie wusste mit ihren vierundzwanzig Jahren, was es bedeutet eine gute Hausfrau, eine treue Ehefrau, und eine gute Geschäftsfrau zu sein.

Sie war das ein und alles ihres Vaters, das Vorzeigekind in der Familie, eine glückliche junge Frau. Nur mit ihrer Mutter, Irene, lief es nicht besonders gut. Vielleicht lag es daran, dass sie eine unerklärliche Unreife im Gesicht ihrer Mutter erkannte, das die Grenzen des Kindlichen berührte. „Wirst du nie erwachsen? Warum träumst du dauernd?“ rügte sie sie immer durch ihre edle Brille.

Eine Antwort bekam sie nie…

An diesem Montag hatte Lena drei Stunden Nachhilfeunterricht zu geben. Sie hatte bereits gekocht und ihr Zuhause aufgeräumt bis ins letzte Detail. So konnte sie sich nachmittags die Vorlesung zur Ökologie des Landes anhören und anschließend ins Fitnessstudio gehen. Am Abend hätte sie dann noch genug

Zeit ein Bad zu nehmen und in ihrem Buch weiter zu lesen, bis Jason von der Arbeit nach Hause kam, so gegen acht Uhr.

So war Lena. Sie plante ihren Tag bis ins letzte Detail. Sie wusste bereits am Morgen, was die nächsten

Stunden bringen würden. Sie hatte ihre nächste Zukunft im Griff. Weichte davon niemals ab. So sollte es wohl sein, überlegte sie. Nicht so wie ihre Mutter, die keine Ahnung vom Leben hatte. Jason lernte sie kennen, als sie bereits mit ihrem Englischstudium fertig war. Er hatte bereits seinen Master in Informatik.

Er war ihre erste Liebe und der erste Mann in ihrem Leben. Bis dahin hatte sie keine Lust auf Liebesgeschichten. Ihr ganzes Leben drehte sich nur um ihr Studium. „Das ist mein Ziel“, sagte sie immer wieder. Jason war genau nach ihren Vorstellungen. Sympathisch, einfach, mit klaren Zielen. Er war etwas alter als sie, genau wie sie es sich immer gewünscht hatte. Er interessierte sich nicht für Fußball und auch nicht für Politik. Er liebte es DVDs anzusehen, trank nicht. Er hatte drei feste Freunde, eine Tatsache die

Lena sehr schätzte, und vor allem hatte er bereits eine feste Anstellung in einem internationalen Konzern für Computersysteme. Das war ebenfalls ein Attribut, das Lena als maßgeblich betrachtete.Alles geschah mit mathematischer Genauigkeit: Sechs Monate Beziehung, ein Jahr Verlobungszeit, und dann Heirat. Sie richteten sich ein und zogen in ihr gemeinsames Heim. Für die ganze Familie war es die ideale Verbindung, Verwandte und Freunde beglückwünschten voller Neid Lena, zu ihrem unermesslichen Glück.

Alle außer Irene… Dieser Frau gefiel nichts, wie auch.

Lena warf einen letzten Blick in den Spiegel, warf noch einen letzten prüfenden Blick in die Wohnung, ob alles perfekt sei und schloss die Tür hinter sich, um spät abends planmäßig zurückzukommen.

Zur gleichen Zeit kam Irene von ihrer vierstündigen Schicht zurück. Nur, dass sie nicht wusste, wo sie beginnen, und wie sie den Rest des Tages verbringen würde. Schließlich hing das selten von ihr selbst ab. Michael lag bereits auf der Couch, rauchte und gab Kommentare.

Irene hat er nicht mal mit einem Blick gewürdigt. Er setzte seine Unterhaltung mit einem unsichtbaren

Gegenüber fort und kommentierte weiter. Irene ging an ihm vorbei.

Sie zog sich in ihr persönliches Gefängnis, das, in dem jede Frau täglich ihren eigenen Kampf kämpft,und erledigte weiter ihre Dinge. Das ist die Küche, der Raum der offenen Angelegenheiten. Sie ist niemals nüchtern und vollständig, sie braucht immer die weibliche Fürsorge, verlangt immer, nimmt immer gefangen. Irene hatte es zwar geschafft zu kochen, nicht aber zu putzen. Sie hatte es geschafft einzukaufen, nicht aber die Sachen aufzuräumen. Sie hatte es geschafft alt zu werden, nicht aber zu leben…

„Ich habe für dich Auberginen gemacht“, rief die Küche der Couch zu.

Michael antwortete nicht. Was sollte er auch sagen? „Danke?“ Das würde sich komisch anhören, auch wenn es das nicht war. Seit fast dreißig Jahren stellte seine Frau ihre Arbeitskraft der Familie als Selbstverständlichkeit zur Verfügung. Was spielte es da noch für eine Rolle, ob sie einmal mehr Auberginengekocht hatte? Welcher Duft konnte es anders machen? Welche Speise könnte ihn da noch begeistern?

Bei welchem Geschmack würde sein Gaumen anfangen zu lächeln? Welche Gewürze würden Begeisterung wecken, seine Augen zum Glänzen bringen? Keine. Das wusste Irene ganz genau. Mit dieser Überzeugung und voller Sensibilität, arbeitete sie seit Jahren, komponierte sie, setzte ihre ganze Fantasie für einen einfachen Teller Essen ein. Hier weinte sie, stöhnte sie, schrieb ihre Klagen nieder, putzteeilig ihre Nase an ihrem Ärmel. Sie hinterließ ihre Abdrücke an ihrer Schürze. Dahin zog sie sich zurück, dort dachte sie nach. Und das alles, stehend…

Neben der Einkaufsliste, die Liste mit ihren „WARUM“, geschrieben mit der gleichen Hand. An jeder Fliese Bündel an Erinnerungen, Szenen und Streit, bittere Worte, Demütigungen. In den Schränken versteckt ihre Trübsal, ihre Erinnerungen eingeschlossen. Mit schlechtem Gewissen denkt sie an die riesige Küche ihrer Kindheit auf Spetses zurück, die vor Leben überquoll. Der Raum voller Mütter, Tanten, Großmütter, Nachbarinnen… Lachen wurde darin geboren und flog flink durch das offene Fenster in den Garten. Die Hände formten kleine Kuchen, als wären sie aus Lehm, und garnierten sie mit kleinen Hänseleien und süßen Geheimnissen. Das Mehl flüchtete von den Holztischen in die Luft

und in ihre Haare. Diese bunten Frauen alterten nicht, sie feierten für einen Teller Essen. Ihre Alltäglichkeit hatte den Duft von Vanille. Irene hatte die Vanille ganz oben im Regal…

„Vergiss morgen nicht bei der Reinigung vorbei zu fahren“, erinnerte sie Michael. Reinigung wie Verunreinigung, dachte sie und nahm ihre CD-Hüllen aus ihrer Handtasche.

ant-verlag.de

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