Steuerlast in Griechenland – «Ohne Schwarzgeld geht es nicht»

by on 10 Ιανουαρίου 2019

Politiker feiern zwar das Ende der Wirtschaftskrise in Griechenland – doch die Realität sieht für viele Griechen anders aus. Ein Blick nach Thessaloniki.

Kanzlerin Merkel besucht zwei Tage lang Griechenland. Mit Ministerpräsident Tsipras will sie über die Eurokrise, die Flüchtlingssituation und den Mazedonien-Streit sprechen.Beitragslänge:1 min Datum:10.01.2019

Am Plateia Athonos im Zentrum von Thessaloniki tummelt sich die kreative Szene der Stadt. Boutique-Agenturen und Designerläden haben sich in den schmucken, kleinen Häusern des alten Marktes angesiedelt. Ihre Besitzer sind zumeist junge Griechen unter vierzig. Sie gehören zu den Wenigen, die dem Land während der Wirtschaftskrise nicht den Rücken gekehrt haben. Die meisten hier haben sich bewusst dazu entschieden, in Griechenland zu bleiben – trotz der zahlreichen Probleme.

Iraklis (links) und Viktor Gountaras wünschen sich für ihr Unternehmen eine gerechtere Besteuerung.
Iraklis (links) und Viktor Gountaras wünschen sich gerechtere Steuern. 
Quelle: Florian Schmitz

Auch Viktor Gountaras und sein Bruder Iraklis betreiben hier ein Büro für Grafikdesign. Viktor hat in Dessau studiert und in Berlin gearbeitet. Dann zog es ihn vor vier Jahren  zurück in seine Heimatstadt. «Ich wollte hier etwas machen und es war die richtige Entscheidung, auch wenn die wirtschaftliche Situation schwierig ist. Die Konkurrenz in Städten wie Berlin ist enorm. Hier ist es einfacher, sich etwas aufzubauen», erklärt er.

Kleine Gewinne – hohe Abgaben

Das Geschäft läuft gut. Die Brüder bemühen sich, optimistisch in die Zukunft zu schauen. Sie wünschen sich, dass mehr junge Menschen zurück ins Land kommen. Dass dies nicht der Fall ist, zeigt, dass der Markt sich noch längst nicht erholt hat. Gut bezahlte Arbeit ist Mangelware. Wer sich selbständig macht, hat hohe Abgaben. Nach Einkommenssteuer, Mehrwertsteuer, der Steuervorauszahlung für das nächste Jahr sowie den Abgaben für Sozial- und Krankenversicherung bleiben für jeden verdienten Euro etwas mehr als 30 Cent.

«Gerade der Anfang ist für Selbständige schwer. Es gibt keine finanzielle Unterstützung und keine Staffelungen, die niedrige Einkommen steuerlich weniger belasten. Das muss angepasst werden, um vom verdienten Geld auch leben zu können», beklagt Viktor. Auch deswegen profitiere Thessaloniki kaum von der eigentlich wachsenden Start-up-Szene. Die meisten jungen Unternehmen wandern ab in Länder mit geringeren Steuern wie Bulgarien, Zypern oder auch Deutschland. Dabei läge gerade hier die Möglichkeit, nachhaltig Arbeitsplätze zu schaffen.

Arbeitnehmer finden Wege

Auch für Arbeitnehmer ist die Situation nach wie vor schwierig. Durch die geringen Löhne reicht es selbst in Boombranchen wie dem Tourismus oft nicht zum Leben, weiß Saisonarbeiter Christos Stergianopoulos. Der 32-Jährige hat den Sommer über auf der Urlaubsinsel Mykonos gearbeitet: sechs Monate, sieben Tage die Woche, 14 Stunden am Tag. Als Angestellter hat er dafür 1.000 Euro netto bekommen, dazu 800 Euro am Fiskus vorbei. «Ohne Schwarzgeld geht es nicht, aber das weiß das Finanzamt auch», erklärt er. Im Winter ist er arbeitslos gemeldet.

Christos Stergianopoulos sieht wenig vom Aufschwung in seinem Land.
Christos Stergianopoulos sieht wenig vom Aufschwung in seinem Land. 
Quelle: Florian Schmitz

Vom viel beschworenen Wachstum sieht er wenig: «Das ist ein Witz. Steuern ab dem ersten Euro? Das führt bei diesen Marktverhältnissen zu gar nichts.» Dass die erhofften Auslandsinvestitionen ausbleiben, ist für ihn bei dieser Steuerlage kein Wunder. Eine Lösung seien diese aber ohnehin nicht. «Griechenland ist kein Industrieland. Unsere Ressourcen sind die Natur und die Geschichte. Wenn der Staat funktionieren würde, könnte man das Land zu einem wissenschaftlichen Forschungsstandpunkt und einem globalen Zentrum für Naturtourismus ausbauen», so Stergianopoulos. Ob früher alles besser war, weiß er nicht. Doch wie viele leidet er unter den steigenden Lebenshaltungskosten, bei denen die geringen Löhne einfach nicht mehr ausreichen.

.zdf.de – von Florian Schmitz

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