Die Angst zu vergeben

by on 29 December 2018

„Und vergib uns unsere Schuld , wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Der erste Teil des Satzes aus dem „Vaterunser“ der Bibel geht vielen leicht über die Lippen. Den zweiten ernst zu nehmen, wirksam umzusetzen, fällt dagegen ziemlich schwer.

Zum Beispiel Griechenland.

Seine Staatsbürger haben seit Ausbruch der Finanzkrise harte Zeiten durchlebt, die Arbeitslosigkeit geht nur langsam zurück, aktuell beträgt sie immer noch rund 18 Prozent. Die Regierung hat den Gürtel für die Bevölkerung enger geschnallt und dennoch schafft sie es gerade so, die jährlich anfallenden Zinsen für den Schuldenberg zu bezahlen. An eine wirkliche Tilgung der Schulden in den nächsten Jahrzehnten ist nicht zu denken, darin sind sich fast alle Experten einig. Manche meinen auch, das werde nie klappen.

Die Länder der Eurozone haben im Jahr 2012 eine große Umschuldungsaktion für Griechenland eingeleitet und das als Rettungsaktion verkauft. In Wahrheit ging es darum, das Land vor der Insolvenz zu bewahren und so eine Ausweitung der Krise zu verhindern. Gerettet wurden die Griechen nie, sie stehen stattdessen unter der Aufsicht ihrer Gläubiger, also ihrer europäischen Nachbarn, und die schauen genau hin, was diese Schuldner so treiben.

Jeder Eingeweihte weiß: Das kann so nicht weiter gehen. Irgendwann muss Schluss sein mit der Knute. Griechenland kann nur zu neuer Größe wachsen, wenn die Gläubiger es von seiner Schuldenlast befreien. Wir könnten den Verlust verkraften, aber das zählt hier nicht.

Die bittere Wahrheit ist, dass die Politiker den Schuldigern nicht vergeben wollen, denn sie haben Angst vor Nachahmern oder, dass die Griechen gleich weiter machen mit dem Vergeuden. Und darum wird der sinnlose Schuldendienst vorläufig aufrechterhalten: zur Strafe, zur Abschreckung anderer.

Finanzpolitik ist gnadenlos und alles andere als christlich.

Matthias Brendel – schwaebische-post.de